Donnerstag, 8. Januar 2026

verwittertes Wegekreuz

als wäre nichts

gewesen


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weathered wayside cross

as if nothing

had happened





Ich musste das Haiku ein paar Mal lesen, bis ich es für mich verstand. Unter „als wäre nichts gewesen“ stellte ich mir zunächst eine Begebenheit unter Menschen vor. Ein Konflikt oder eine Liebesbeziehung, etwas, was zwei oder mehrere Personen miteinander verbunden hat, dieses Verbindende jedoch nicht mehr in die Gegenwart zu reichen scheint. Keine Erinnerung ist beim anderen zu erkennen, dass da mal etwas war. Doch ich konnte keinen Zusammenhang mit dem Wegekreuz herstellen. Bestenfalls die Assoziation, dass sich die Wege, die sich womöglich beim Wegekreuz selbst kreuzen, dazu führen, dass man auseinandergegangen ist und sich wieder getroffen hat. Doch das „als wäre nichts gewesen“ gibt eine Zusatzinformation, die ich nicht zuordnen konnte.

Das „verwittertes“ führte mich weiter. Das Wegekreuz vergeht allmählich. Mir leuchtete spontan ein, dass das „Als wäre nichts / gewesen“, die Religion selbst meint. Wenn das Kreuz ganz zerfallen sein wird, erinnert an dieser Stelle nichts mehr an die religiöse Absicht der Menschen, die es dort aufgestellt haben. Vielleicht, um Gott für reiche Ernten zu danken oder an einen hier verstorbenen Mitmenschen zu erinnern. Vielleicht war es ein Grenzzeichen oder der Standort war ein als heilig empfundener Platz. Als hätte es die Religionsausübung nicht gegeben.

Es bleibt offen, ob die Parallele positiv oder negativ bewertet wird. Diese Offenheit ist großartig, denn jeder Leser und jede Rezipientin wird sich in dem Haiku ein Stück weit selbst wiederfinden, sich in der eigenen Haltung bestätigt fühlen. Was wird dann sein, mag man sich fragen, wenn das Wegkreuz zerbrochen beziehungsweise das Christentum bedeutungslos geworden ist? Ist dies eine bange oder womöglich eine befreiende Frage?

Schließlich geht es um wichtigste philosophische Überlegungen im Leben. In welche Richtung zeigt meine Kompassnadel? Wer ist mir Vorbild? Welche Regeln erkenne ich als sinnvoll für mich und die Gemeinschaft an? Was kommt nach dem Tod? Diese großen Fragen, ob Gott und die Bibel oder die philosophischen Schriften von der Antike bis heute als Orientierung im Diesseits wie auch bezogen auf ein mögliches Jenseits dienen, diese fundamentalen Fragen spiegeln sich in diesem Haiku wider.

Ausgesucht und kommentiert von Birgit Heid


Donnerstag, 25. Dezember 2025

stille Nacht

die Kinder spielen

mit den Sternen


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silent night

the children play

with the stars


Haiku heute


Freitag, 19. Dezember 2025

when war began ...

your name cut into

the beech trunk


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als der Krieg begann ...

dein Name eingeritzt in

den Buchenstamm 


FemkuMag


Dienstag, 16. Dezember 2025

Spatzen füttern

wir teilen unsere

Wintereinsamkeit


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feeding sparrows

we share our

winter solitude


Haiku heute


Freitag, 12. Dezember 2025

Châteauneuf-du-Pape 

wir füllen unsere Gläser 

mit Wintersonne


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Châteauneuf-du-Pape 

we fill our glasses 

with winter sun


Chrysanthemum


Freitag, 5. Dezember 2025

... and my poetry to protect me frost-covered window


The Pan Haiku Review



An allusion to the song:
"I Am a Rock" by Simon & Garfunkel
with "I've got my books and my poetry to protect me"