verwittertes Wegekreuz
als wäre nichts
gewesen
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weathered wayside cross
as if nothing
had happened
Ich musste das Haiku ein paar Mal lesen, bis ich es für mich verstand. Unter „als wäre nichts gewesen“ stellte ich mir zunächst eine Begebenheit unter Menschen vor. Ein Konflikt oder eine Liebesbeziehung, etwas, was zwei oder mehrere Personen miteinander verbunden hat, dieses Verbindende jedoch nicht mehr in die Gegenwart zu reichen scheint. Keine Erinnerung ist beim anderen zu erkennen, dass da mal etwas war. Doch ich konnte keinen Zusammenhang mit dem Wegekreuz herstellen. Bestenfalls die Assoziation, dass sich die Wege, die sich womöglich beim Wegekreuz selbst kreuzen, dazu führen, dass man auseinandergegangen ist und sich wieder getroffen hat. Doch das „als wäre nichts gewesen“ gibt eine Zusatzinformation, die ich nicht zuordnen konnte.
Das „verwittertes“ führte mich weiter. Das Wegekreuz vergeht allmählich. Mir leuchtete spontan ein, dass das „Als wäre nichts / gewesen“, die Religion selbst meint. Wenn das Kreuz ganz zerfallen sein wird, erinnert an dieser Stelle nichts mehr an die religiöse Absicht der Menschen, die es dort aufgestellt haben. Vielleicht, um Gott für reiche Ernten zu danken oder an einen hier verstorbenen Mitmenschen zu erinnern. Vielleicht war es ein Grenzzeichen oder der Standort war ein als heilig empfundener Platz. Als hätte es die Religionsausübung nicht gegeben.
Es bleibt offen, ob die Parallele positiv oder negativ bewertet wird. Diese Offenheit ist großartig, denn jeder Leser und jede Rezipientin wird sich in dem Haiku ein Stück weit selbst wiederfinden, sich in der eigenen Haltung bestätigt fühlen. Was wird dann sein, mag man sich fragen, wenn das Wegkreuz zerbrochen beziehungsweise das Christentum bedeutungslos geworden ist? Ist dies eine bange oder womöglich eine befreiende Frage?
Schließlich geht es um wichtigste philosophische Überlegungen im Leben. In welche Richtung zeigt meine Kompassnadel? Wer ist mir Vorbild? Welche Regeln erkenne ich als sinnvoll für mich und die Gemeinschaft an? Was kommt nach dem Tod? Diese großen Fragen, ob Gott und die Bibel oder die philosophischen Schriften von der Antike bis heute als Orientierung im Diesseits wie auch bezogen auf ein mögliches Jenseits dienen, diese fundamentalen Fragen spiegeln sich in diesem Haiku wider.
Ausgesucht und kommentiert von Birgit Heid




